Das Verständnis des Internets und die daraus resultierende Relevanz für uns alle
Das Missverständnis
Die Art und Weise, in der ich das Internet kennengelernt und mittlerweile zu verstehen glaube beisst sich arg mit dem allgemeinen Bild, das in der Öffentlichkeit dargestellt wird. Daraus resultiert ein großes Missverständnis vieler, die ebenfalls der Auffassung sind, das Internet zu verstehen und denen, die es wirklich tun.
Phrasen wie "das Internet macht dumm", "im Internet steht nur Mist" und "das hat doch nichts mit dem echten™ Leben zu tun" zeigen mir jedoch, dass ich zwar nicht zwangläufig mehr davon, allerdings etwas anderes unter "dem Internet" verstanden habe.
Meiner Auffassung nach bildet das Konzept des Internets sowie die derzeitige Ausprägung davon sowohl die Grundlage für vollständig neue Konzepte von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, als auch einen derart guten Spiegel des jetztigen Status Quo der drei eben genannten Bereiche, dass ich es letztendlich nicht vermeiden kann jetzt und hier darüber zu schreiben.
Das Internet ist ein Medium. Es hat weder Schuld, produziert Mist, noch macht es jemanden dumm. Es stellt ein völlig losgelöstes Universum vom echten™ Leben dar, welches, so man sich die derzeitige Lage anschaut, dennoch einen unvorstellbar großen Einfluß auf dieses echte™ Leben hat. Sei es nun direkt oder auch nur indirekt.
Der Dialog
Im Internet nimmt jeder auf dieselbe Art und Weise teil. Auf irgendeinem Weg erhält man letztendlich eine IP-Adresse, mit der man nun mit allen anderen Teilnehmern kommunizieren kann. Neben diversen Zusatzinformationen, die sich durch den Zugangsanbieter einschleichen ist die IP-Adresse damit aber auch, das einzige was einen Einzelnen von jedem Anderen unterscheidet. Prinzipiell ist also jeder dort gleich. Keine Nationalität, kein Alter, keine Hautfarbe.1
Jeder steht im Dialog mit jedem anderen. Dabei ist vor allem der Dialog hervorzuheben. Jeder in Deutschland, der einen DSL-Anschluss besitzt, sollte sich darüber im Klaren sein, dass er die Möglichkeit besitzt mit einer Geschwindigkeit Daten ins Internet zu versenden, die die Geschwindigkeit des Datenempfangs eines 56k-Modems und selbst die von ISDN um eine Vielfaches übersteigt. Diese Kapazität dient nicht ausschließlich dem Hochladen von Urlaubsfotos bei StudiVZ, Flickr und anderen großen Konzernen. Sie dient dem direkten Dialog. Das Prinzip von Anbieter und Konsument, welches in der Wirtschaft bereits Jahrhunderte praktiziert wird, stellt das Internet vollkommen auf den Kopf. Jeder ist plötzlich gleichzeitig Konsument und Anbieter und zwar für jeden und ohne dabei notwendigerweise einen Mittelsmann zu Hilfe zu nehmen.
1Und gerade bei diesen Dingen wird versucht sie im Internet doch unterscheidbar zu machen. Beste Beispiele sind wirtschaftlicher (YoutubeDeutschland) und politischer Natur (Zugangserschwerungsgesetz). Wir halten Inhalte von den Deutschen bei Youtube fern, so lange sie noch nicht für diesen Markt freigegeben sind und versuchen gerade unsere Kinder zu schützen (und natürlich auch alle anderen), dass sie nicht ausversehen im Internet auf Kinderpornographie stoßen. All das ist natürlich völlig widersinnig, denn die wirkliche Unterscheidung zwischen Altersgruppen und Nationalitäten kann so nicht durchgeführt werden. Sollte sie auch nicht. Probleme, die zu einer derartigen Lösung wie es durch das Zugangserschwerungsgesetz versucht wird geführt haben, lassen sich in dem Fall zunächst durch eine aufgeklärte und kompetente Bevölkerung lösen. Niemand, der der Bedienung des Internets mächtig ist, landet ausversehen auf Kinderpornographie. Für die Lösung des Kernproblems, das sie im Internet dennoch verfügbar sein kann, lässt sich eine sinnvollere Lösung finden. Dazu bedarf es natürlich erstmal dem Verständnis aller, warum die angedachte Lösung eine Symptombekämpfung und keine Problemlösung ist.
Informationsflut
Die Möglichkeit, dass jeder zu allen Dingen seine Meinung allen mitteilen kann, hat zwangsläufig zu einer Überflutung des Internets mit Inhalten von größtenteils minderer Qualität geführt. Doch was hat alle Welt erwartet? Fragt man den Bundesbürger auf der Straße nach seiner Meinung zu komplexen wirtschaftlichen Problemen, kann man sicher sein, dass keine fundierte Antwort zu Tage kommt. Es kommen gefärbte, verblendete und meistens schlichtweg falsche Informationen dabei heraus. All diese Informationen finden sich nun auch im Internet wieder und nicht nur in den Köpfen von Menschen, die sonst niemand gefragt hätte. Daraus ergeben sich zwei Kernaspekte:
Erstens ist keine dieser Informationen nutzlos. Denn obwohl keinerlei sachlicher Gehalt in Ihnen stecken mag, stellen sie doch häufig, sofern ernstgemeint, die Gefühle eines Menschen dar. Es ist nur niemand da, der diese Emotionen bündelt und sie in einen sachlichen Kontext stellt. Zumindest niemand, der das mit guten, nicht profitorientierten Gedanken angeht.
Zweitens haben diese Informationen einen fatalen Nebeneffekt. Völlig fehlinformierte Menschen mischen sich mit sehr wohl und gut informierten Menschen im Internet und produzieren neue Informationen. Ein Bruchteil der Teilnehmer im Internet kann aber fundierte und sachlich richtige Informationen von den Enten unterscheiden. Gut informierte Besucher im Internet können also auch absichtlich Fehlinformationen platzieren. Wer hätte das gedacht?
Das Vertrauen, was ein Mensch zu seinem näheren persönlichen, echten™ Umfeld aufbaut, braucht Wochen, Monate, wenn nicht sogar Jahre. Es braucht Diskussionen, Emotionen, Streit, Gestik, Mimik und am Ende prüft man gegebenenfalls die Informationen seines Gegenübers doch noch mal nach um auch wirklich sicher zu gehen, dass sich derjenige nicht geirrt hat. Im Internet scheint eine Vielzahl an Teilnehmern diesen Prozess vollständig über Bord geworfen zu haben.
Vertrauen und so...
Als krassestes Beispiel bietet sich da die vergangene Bundestagswahl an: Fernsehreporter weisen noch kurz vor der Verkündung der ersten Wahlprognosen darauf hin, dass den Informationen auf Twitter kein Glauben zu schenken ist.
Natürlich nicht! Warum auch? Das lose Netzwerk aus Hashtags und Pseudonymen, ohne auch nur die geringste Art der Verifizierung der Authentizität der Nachrichten seines Gegenübers, ohne auch nur den Hauch einer Spur von persönlichem Kontakt, soll zuverlässige Wahlprognosen liefern? Wer in Gottes Namen hat allen Menschen erzählt das wäre so? Niemand!
Viel problematischer ist, dass niemand Ihnen die Risiken, die Möglichkeiten und Prinzipien des Internets verständlich und nachvollziehbar klargemacht hat. Keiner in Schulen Unterricht zum Thema private und sichere Kommunikation über das Internet anbietet. Vor allem frage ich mich aber, warum diejenigen, die in dem selben Umfang wie ich sich mit der Thematik sich beschäftigt haben, nicht schon früher darum gekümmert haben, dieses Wissen in einer Form an andere weiterzugeben, die angemessen ist und eine "von oben herab"-Form vermeidet.
Ich selbst habe das ja bis jetzt auch nicht gemacht, dennoch stoße ich in meinem Umfeld auch auf Menschen, die diesen Status auch lieber aufrecht erhalten wollen, als ihn zu beseitigen. Schade.
Ein Bekenntnis, eine Erkenntnis und eine Aufforderung
Ich habe mich aus Politik, aus Wirtschaft und aus der Gesellschaft herausgehalten. Doch gerade in der heutigen Zeit in der jeder das Internet zu nutzen scheint und es offenkundig ist, dass nur wenige es verstanden haben, muss auf die wahren Möglichkeiten, neben all den Spielereien und kommerziellen Diensten, hingewiesen werden.
Hinter Konstrukten wie der Piratenpartei steht nicht der Wille der "Internet-Natives" sich jetzt auch mal mit Politik zu beschäftigen, sondern vielmehr eine komplette Bewegung. Eine Bewegung, die in der Politik vielleicht derzeit Ihren Aufschwung und die Präsenz in den restlichen Submedien erlangt, dennoch aber im Kern weder politischer, noch wirtschaftlicher, noch gesellschaftlicher Natur ist. Sie ist schlicht und ergreifend menschlicher Natur. Sie entsteht aus der Erkenntnis des Potenzials des Internets, zur prinzipiellen Verbindung und Vernetzung jedes Bewohners dieser Erde. Des Dialogs aller dieser Teilnehmer, der Möglichkeit zu vollkommen neuen Gedanken zu Demokratie, zu wirtschaftlichen Prozessen und vor allem zu dem was letztendlich wirklich jeden betrifft die Gesellschaft in der wir alle Leben.
Zu letzterem finde ich das Projekt "dieGesellschafter" auch sehr schön, auch wenn ich sagen muss, dass sich mir dabei noch nicht erschließt wie dort zu einem Ergebnis gefunden wird. Dennoch ist das erst der Anfang. Im Falle der Piratenpartei zeigt sich das Konzept relativ eindrucksvoll durch das Sprießen von Piratenparteien über den gesamten Globus. Alle folgen demselben Kernziel, offensichtlich zunächst einmal dem weiteren Einschränken der Möglichkeiten des Internets Einhalt zu gebieten und ein kompetenter Partner in weiteren Entscheidungen zu sein und langfristig die Konzepte von demokratischer Politik im Informationszeitalter zu überdenken. Das bedeutet für jede Piratenpartei in jedem Land eine unterschiedliche Lokalpolitik, die letztendlich aber dem Zwecke dient einen transparenteren Staat zu erwirken und über neue Konzepte der Einflussnahme eines jeden Bürgers nachzudenken. Daraus sollen natürlich Standpunkte zu allen anderen politischen Themen erwachsen, die alle von Neuem ein Problem beleuchten.
Wirtschaftlich sehe ich persönlich eher eine Dezentralisierung, eine Art neues Selbstversorgertum. Erneuerbare Energien schön und gut, aber die Energieerzeuger™ davon zu überzeugen, dass sie doch Rücksicht auf die Konsumenten nehmen sollten, ist wie einen Hund den langersehnten Knochen abnehmen wollen. Häuser lassen sich per Erdwärme, Solar, whatever mit Strom versorgen. Das wäre dann ein Stück Unabhängigkeit.
Do-It Yourself kommt wieder, nur diesmal ohne billig zu wirken, sondern mit der Qualität, die an Fabrikware herankommt und zudem noch eine viel entscheidenderen Faktor der Ware wieder zurückgibt: Einzigartigkeit. In einer Welt in der Massenware jedem nicht nur zugänglich, sondern sogar aufgedrängt wird, ist ein Unikat König.
Die Gesellschaft braucht wiederum nun Beides, sowohl eine Änderung der Politik und der Wirtschaft um wieder Mut zu fassen sich überhaupt noch in Irgendetwas einbringen zu wollen. Vielleicht ein typisches Henne-Ei-Problem. Dennoch setzt eine solche Verlagerung der Entscheidungsgewalt und Verantwortung zurück auf den Einzelnen ein genügendes Maß an Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein, Selbsteinschätzung und vor allem und das ist wahrscheinlich das Komplizierteste, ein kontrolliertes Konsumverhalten voraus.
Die Bewegung von der ich spreche lässt sich überhaupt nicht unter einen Hut bringen und ich werde sicher dem Einen oder Anderen wieder auf die Füße treten, da er sich nicht repräsentiert fühlt. Das ist allerdings auch der Kern dieser Bewegung, niemand davon möchte sich wirklich ein Stempel aufdrücken lassen. Manche nennen sich jetzt Piraten und bereuen es gleich wieder. Im Kern einen sie sich nur durch Erkenntnis und den Willen dem Volk wieder seine Stimme zurückzugeben. Ein Gegenpol zu einer sich immer weiter vom Bürger entfernenden Machtelite zu bilden. Ein Instrument, welches als essentiell dabei gilt, ist und bleibt das
Internet.
Holen wir uns das Internet zurück! Holen wir uns die Welt zurück! Machen wir es jetzt!
Hach wie pathetisch, klicken für den Weltfrieden, nein im Ernst. Wenn Ihr auch nur ansatzweise nachvollziehen könnt, was ich hier von mir gegeben habe, dann geht raus und proklamiert die Hoffnung, die Möglichkeiten und brecht endlich diese verdammte Komplexität herunter und erklärt allen Anderen auf Logo™-Niveau was das mit dem Internet auf sich hat.



